Geschichte der deutschen Pfadfinder

Von der Gründung bis 1918

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Vor der Gründung der Pfadfinderbewegung existiert in Deutschland bereits die Jugendbewegung der Wandervögel (seit 1896).

Jene gilt als Anfangspunkt der deutschen Jugendbewegung. Der Schwerpunkt bei den Wandervögeln liegt auf der Fahrt, dem Naturerleben und einer romantisch verklärten Rückbesinnung auf alte Traditionen.

1907 gründet Lord Robert Baden-Powell in England die Pfadfinderbewegung. Als Grundlage dienen ihm dabei die Erfahrungen, die er als Oberst während der Burenkriege in Afrika gesammelt hat. Er bildet Jungen zu Scouts (Kundschaftern) aus und lehrt sie die Künste der Waldläufer. Nachdem er 1907 mit 22 Jungen ein Lager auf der Insel Brownsea durchgeführt hat, breitet sich die Pfadfinderbewegung in England sehr schnell aus.

1909 begegnen sich erstmals die Wandervögel und englische Pfadfinder in Deutschland. Damit ist der Gedanke des Pfadfindertums auch auf Deutschland übergegriffen. Unter Alexander Lyon und Maximilian Bayer entstehen in Berlin erste Versuchsgruppen, die sich rasch über das deutsche Reichsgebiet ausbreiten. Diese Gruppen ähneln jedoch sehr stark militärischen Ertüchtigungsvereinen, was nicht im eigentlichen Sinne des Pfadfindertums liegt. Der Name dieser deutschen Bewegung lautet „Jungsport in Feld und Wald“, wodurch eine Parallele zu Turnvater Jahn hergestellt werden soll, einem deutschen Pädagogen, der das Turnen in der heutigen Form eingeführt hat.

1911 wird als erste deutsche Pfadfinderorganisation der Deutsche Pfadfinderbund (DPB) gegründet. Zum Reichsfeldmeister wird Maximilian Bayer gewählt. Versucht man den Unterschied zwischen dem deutschen Pfadfindertum und dem Scouting Baden-Powells herauszustellen, könnte man sagen, dass aus einer gesellschaftlich orientierten Idee eine staatliche Angelegenheit wird. Die nationalistische Nebenabsicht Baden-Powells wird damals in Deutschland zur Hauptsache gemacht.

1912 gründet Elise von Hopffgarten den Bund Deutscher Pfadfinderinnen. Auch hier entspricht die Betonung patriotischer und militärischer Elemente der gesellschaftlichen Situation der Vorkriegsjahre.

Während des Ersten Weltkrieges (1913-1918) werden die meisten Pfadfinderführer zum Militär eingezogen. Deshalb zerfällt ein Teil der Pfadfindergruppen, in anderen übernehmen Jugendliche die Leitung.

Von 1918 bis 1945

Beim Wiederaufbau des Deutschen Pfadfinderbundes nach dem Ersten Weltkrieg kommt es deshalb in der Folge zu Auseinandersetzungen zwischen drei unterschiedlichen Gruppierungen:

  • Den älteren Führern der Vorkriegszeit, die den DPB in der alten Form wiederherstellen wollen,
  • den jüngeren Führern, die während ihres Kriegseinsatzes mit Wandervögeln zusammengetroffen sind und die sowohl das Fronterlebnis als auch den Wandervogelgeist in die Arbeit einbringen wollen,
  • und den jugendlichen Führern, die während des Ersten Weltkriegs aktiv waren und ihre Positionen nicht aufgeben wollen.

Die Inhalte und Strukturen der Pfadfinderarbeit verändern sich dadurch deutlich. Die Ausrichtung der Gruppen wird weniger militärisch. Dies geschieht, weil man weitere Kriege verhindern und die Pfadfinder daran erinnern will, dass es ihre Pflicht sei, der Gemeinschaft zu helfen und sich mit anderen Völkern friedlich zu verständigen.

Etwas verkürzend spricht man vom „Einbruch“ der Jugendbewegung in den Deutschen Pfadfinderbund. Die Folge ist, dass die deutschen Pfadfinder in zahlreiche kleinere Bünde zerfallen, sie spalten sich vom immer noch bestehenden DPB ab. Bis 1933 entsteht so eine Vielzahl unterschiedlicher Pfadfinderbünde, die in ihrer inhaltlichen Ausrichtung vom vormilitärischen Pfadfindertum des Vorkriegs-DPB bis hin zu sehr stark vom Wandervogel geprägten Bünden reichen und die politisch nahezu das gesamte Spektrum der Weimarer Republik abdecken.

1919 wird für die internationale Zusammenarbeit zwischen den Pfadfinderinnen das International Council gegründet, aus dem 1928 die World Association of Girl Guides and Girl Scouts (WAGGGS) hervorgeht.

1920 wird für die männlichen Pfadfinder das Boy Scouts International Bureau (Weltpfadfinderbüro) gegründet, das später seinen Namen in World Organization of the Scout Movement (WOSM) ändert.

1921 Bund der Neupfadfinder = Zusammenschluss der Jungdeutschen und Neudeutschen Pfadfinder.

1921 Christliche Pfadfinderschaft (CP) = Zusammenschluss der Pfadfindergruppen im CVJM (Christlicher Verein Junger Menschen).

1922 spaltet sich der Bund der Ringpfadfinder (BdR) vom DPB ab.

1923 Gründung der Deutschen Pfadfinderschaft.

1925 schließen sich der Bund der Neupfadfinder, der Bund der Ringpfadfinder und die Deutsche Pfadfinderschaft zum Großdeutschen Pfadfinderbund zusammen.

1926 schließen sich der Großdeutsche Pfadfinderbund, der Altwandervogel, die Deutsche Jungenschaft, der Wandervogel und  der  Deutsche Jugendbund zum Bund der Wandervögel und Pfadfinder (BdWuP) zusammen.

1927 Umbenennung in Deutsche Freischar (DF).

1929 entsteht der Deutsche Pfadfinderverband, der das deutsche Pfadfindertum im In- und Ausland vertreten soll. Er dient zudem als Dachorganisation der Pfadfinderverbände, die nicht in der Deutschen Freischar aufgegangen sind.

1929 schließen sich katholische Pfadfindergruppen zur Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) zusammen.

1930 Gründung des Deutschen Kolonialpfadfinderbundes, d.h. Zusammenschluss der verschiedenen Kolonialpfadfindergruppen.

1933 schließen sich nach der Machtergreifung Adolf Hitlers verschiedene Pfadfinder- und Wandervogelbünde, unter ihnen der DPB und die DF, zum Großdeutschen Bund zusammen. Mit ihm soll der Bestand freier Jugendbünde neben der Hitler-Jugend gesichert werden. Nach knapp drei Monaten wird der Großdeutsche Bund durch den „Jugendführer des Deutschen Reiches“ Baldur von Schirach aufgelöst.

1933 und 1934 werden im Rahmen der sogenannten Gleichschaltung alle Pfadfinderbünde und auch alle freien Jugendorganisationen mit Ausnahme der großen konfessionellen Bünde aufgelöst.

  • Alle Vierzehn- bis Achtzehnjährigen werden in die Hitler-Jugend bzw. in den Bund Deutscher Mädel eingegliedert,
  • alle Zehn- bis Vierzehnjährigen in das Deutsche Jungvolk in der Hitlerjugend bzw. Jungmädel im Bund Deutscher Mädel.

1938 wird mit der DPSG der letzte Pfadfinderbund endgültig verboten.

Alle früheren Jugendverbände lösen sich auf oder werden zwangsweise aufgelöst. Darüber hinaus erfolgt die Verhaftung zahlreicher Pfadfinderführer. Es gelingt einigen wenigen Gruppen, illegal weiter zuarbeiten. Dazu gehörten insbesondere:

  • der Nerother Wandervogel
  • die Deutsche Jungenschaft

Parallel zu den Verboten der Jugendbewegung und dem zunehmenden Zwang zum Eintritt in die Hitler-Jugend entstanden immer wieder so genannte „wilde“ Jugendgruppen, wie z.B. die Edelweißpiraten.

Diese Jahre sind wohl die traurigsten in der deutschen Jugendbewegung und finden ihren negativen Höhepunkt im Einsatz der Jugendlichen während des Zweiten Weltkrieges bei militärischen Hilfsdiensten.

Von 1945 bis zur Gegenwart

1945 Neubeginn der Jugendarbeit in Deutschland

Bereits 1945 werden trotz alliierter Verbote in Deutschland neue Pfadfindergruppen gegründet, zum Teil von „Altpfadfindern“ aus der Zeit vor 1933. In Abhängigkeit von der Jugendpolitik der Besatzungsmächte werden die Gruppen unterstützt (US-Zone), dürfen sich nicht Pfadfinder nennen (britische Zone) oder sind verboten (französische und sowjetische Zone).

Bis 1949 erlauben die Besatzungsbehörden in allen drei Westzonen die Pfadfinderarbeit. Nur in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) bleibt die Pfadfinderarbeit weiterhin verboten. Der einzige erlaubte Jugendverband ist die Freie Deutsche Jugend.

Die größten der neu- oder wiedergegründeten Bünde sind:

  • BDP       Bund Deutscher Pfadfinder (interkonfessionell)
  • BDPi      Bund Deutscher Pfadfinderinnen (interkonfessionell)
  • DPB       Deutscher Pfadfinderbund (interkonfessionell)
  • DPSG    Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (katholisch)
  • PSG       Pfadfinderinnenschaft St. Georg (katholisch)
  • CPD       Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands (evangelisch)
  • EMP     Evangelischer Mädchen-Pfadfinderbund (evangelisch, nicht in Bayern)
  • BCP       Bund Christlicher Pfadfinderinnen (evangelisch, nur in Bayern)

1949 gründen BDP, DPSG und CPD den Ring deutscher Pfadfinderbünde (RdP) als Dachverband. Weibliches Pendant wird der Ring Deutscher Pfadfinderinnenbünde (RDP) mit BDPi, PSG, EMP und BCP.

1950 nimmt die WOSM den RdP als Mitglied auf. Der RDP wird von der WAGGGS aufgenommen. Die deutschen Pfadfinder sind international wieder vollständig integriert.

Die Bestrebungen in den 50er Jahren den BDP in einen einheitlichen Pfadfinderverband zu wandeln führen zu ernsten Spannungen zwischen den bündischen und scoutistischen Flügeln. Zum Teil treten ganze Gruppen aus und bilden ganz neue Bünde, wie 1955 die Freie Pfadfinderschaft Schleswig-Holstein.

Um eine Wiedervereinigung der interkonfessionellen Pfadfinderbünde mit dem BDP zu erreichen, bildet sich 1963 die „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Pfadfinderbünde“ (AG) aus verschiedenen Bünden, die zuvor aus dem BDP ausgetreten waren. Die AG führt noch bis 1966 Gespräche mit dem BDP.

1956wird in Köln der internationale Dachverband Fédération du Scoutisme Européen (FSE) gegründet, der 1978 nach einer Neuausrichtung in Union Internationale des Guides et Scouts d’Europe (UIGSE) (Internationale Union der Pfadfinderinnen und Pfadfinder Europas) umbenannt wird.

Ab 1965 erreicht der gesellschaftliche Wertewandel auch die Pfadfinderarbeit. Man sucht nach neuen Methoden und Inhalten. Heftig umstritten ist die politische Neutralität der Pfadfinder, die von Anhängern der Außerparlamentarischen Opposition als in ihrer Wirkung konservativ bezeichnet wird.

1966 wird der Ring junger Bünde (RjB) gegründet, ein Zusammenschluss selbständiger, unabhängiger und selbstverantwortlicher Pfadfinder- und Wandervogelbünde und bezweckt deren gemeinsame Interessen nach außen zu vertreten und deren Verbindung untereinander zu fördern.

1968 Teile des BDP politisieren sich im Zuge der Studentenbewegung.

1970 droht die WOSM mit der Suspendierung der deutschen Pfadfinder aus dem Weltverband, da sie den Verstoß gegen den Grundsatz der internationalen Pfadfinderbewegung, politisch neutral zu sein, nicht länger duldet. Daraufhin suspendieren die Ringpartner den BDP aus dem Ring. Als Folge löst sich der Ring (RdP) 1971 auf.

1973 gründen die DPSG, der vom BDP abgespaltene Bund der Pfadfinder (BdP) und der Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) den Dachverband Ring deutscher Pfadfinderverbände (RdP) neu. Dieser wird wieder in die WOSM aufgenommen.

1976 wird in Altenholz der Freie Pfadfinderbund Asgard (FPA) gegründet.

1996 wird in Laubach die World Federation of Independent Scouts (WFIS) gegründet. Der FPA wird 1998 Mitglied.

1999 wird die Unterorganisation WFIS Europe gegründet.

Folgende Pfadfinderorganisationen zählen heute zu den bedeutendsten in der Bundesrepublik:

  • Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg. Die DPSG ist ein Zusammenschluss der katholischen Pfadfinder (ca. 95.000 Mitglieder).
  • Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder. 1973 entsteht die VCP aus dem Zusammenschluss verschiedener evangelischer Pfadfindergruppen (ca. 52.000).
  • Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder. 1976 fusionieren der Bund der Pfadfinder und der Bund Deutscher Pfadfinderinnen zum BdP (ca. 30.000).
  • Deutscher Pfadfinderverband. Im DPV sind zahlreiche Pfadfinderbünde zusammengefasst, z.B. der Deutsche Pfadfinderbund Westmark oder die Bündische Pfadfinderschaft (ca. 29.000).

Der BdD ist neben der DPSG und der VCP Mitglied im RdP und somit Mitglied der WOSM.

Weltweite Strukturen

Innerhalb der Weltpfadfinderbewegung gibt es zwei getrennte große Weltverbände:

  • World Organization of the Scout Movement (WOSM; etwa 31 Millionen Mitglieder in 156 Ländern), die bis 1990 nur männliche Pfadfinder aufnahm.
  • World Association of Girl Guides and Girl Scouts (WAGGGS; etwa 10 Millionen Mitglieder in 144 Ländern) für Pfadfinderinnen.

Daneben gibt es noch zwei kleine unabhängige Verbände, die ihren Mitgliedsverbänden die Teilhabe an der internationalen Gemeinschaft der Pfadfinder ermöglichen wollen:

  • Union Internationale des Guides et Scouts d’Europe (UIGSE; etwa 70.000 Mitglieder in 20 Ländern). Er fördert insbesondere die religiöse Bindung und Ausrichtung der Pfadfindergruppen
  • World Federation of Independent Scouts (WFIS; etwa 2,4 Mio. Mitglieder in 56 Ländern, davon etwa 13.000 in Europa). Ihr Ziel ist es, ein weltweiter Dachverband für Pfadfinder zu sein, die noch nicht anderweitig in einem Weltverband organisiert sind.

Besondere Einflüsse in Deutschland

Die Pfadfinder in Deutschland wurden sehr stark von der Jugendbewegung und damit von den Ideen der Wandervogelbewegung (1896 – 1918) und der Bündischen Jugend (1918 – 1933) beeinflusst.

Diese Einflüsse fasst man unter dem Begriff „bündisch“ zusammen.

Der Begriff „scoutistisch“ oder „Scoutismus“ ist die übliche Bezeichnung für Pfadfinderarbeit englischen oder US-amerikanischen Stils, die sich stark an Baden-Powell und seinem Buch „Scouting for Boys“ orientiert.

Die Einflüsse des „Bündischen“ wirken heute in der deutschen Pfadfinderbewegung fort. Vor allem darin unterscheiden sich die heutigen deutschen Pfadfinder von den Pfadfinderverbänden anderer Länder. Allerdings gibt es innerhalb der deutschen Pfadfinderbewegung Unterschiede, wie stark und auf welche Weise die einzelnen Gruppen durch die Jugendbewegung beeinflusst sind.

Traditionen und Formen, die aus der internationalen Pfadfinderbewegung (Scoutismus) stammen, sind unter anderem:

  • das Motto Allzeit bereit und der Pfadfindergruß Gut Pfad,
  • das Pfadfindergesetz und das Pfadfinderversprechen,
  • der Pfadfindergruß mit der linken Hand,
  • die Pfadfinderkluft,
  • das Truppprinzip, bei dem in einem Trupp nur Gruppen der gleichen Altersstufe zusammengeschlossen sind,
  • die Leitung der Gruppen hauptsächlich durch Erwachsene, bei der Jugendliche lediglich Kleingruppen teilautonom führen können, die Verantwortung für die Gruppen aber immer bei erwachsenen Leitern liegt.

Aus der deutschen Jugendbewegung beziehungsweise der Bündischen Jugend kommen zum Beispiel:

  • die Verwendung von Kohten und Jurten,
  • die Jungenschaftsjacke (Juja),
  • eine spezifische Singkultur mit einem charakteristischen Liedgut,
  • das Auf-Fahrt-Gehen (bewusst die Natur erfahren),
  • das Stammesprinzip, bei dem Gruppen aller Altersstufen eines Ortes in einem Stamm (statt ursprünglich „Trupp“) zusammengeschlossen sind,
  • die Verstärkung des Prinzips „Jugend führt Jugend“ durch eine weitgehende Autonomie der Kleingruppe Sippe (statt ursprünglich „Patrouille“), (der Gruppenführer, der „primus inter pares“ ist oft nur wenig älter als die Gruppenmitglieder).

Insgesamt hat sich dadurch in der deutschen Pfadfinderbewegung ein stärkerer Bezug auf Arbeit in der Natur und Abenteuer als in anderen Ländern erhalten.

Außerhalb des deutschsprachigen Raumes ist das Bündische unbekannt und der Scoutismus bildet die gemeinsame Grundlage des Pfadfindertums.

Quelle: Extrablatt Nr. 6, Herausgeber: Freier Pfadfinderbund Asgard, 24161 Altenholz  / 2. Auflage Juli 2008

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